Erwartungen loslassen

Warum das so schwer ist und was das Gehirn damit zu tun hat.


Zum Einstieg etwas Persönliches

Als mein Mann und ich uns dazu entschieden ein Kind zu bekommen, hatte ich eine genaue Vorstellung davon, wie das alles aussehen würde. Natürlich würde es gleich klappen. Wir würden zuhause das Ankleidezimmer in ein hyggeliges Kinderzimmer. Ich würde mich tränenreichaber vorfreudig aus dem Job in die Elternzeit verabschieden. Mit Freundinnen Kaffee trinken, alle möglichen Schwangerschaftskurse machen. Nach einer Geburt, die eine meditative lebensverändernde Erfahrung wäre, die mich in absoluten Einklang mit meiner inneren Göttin bringen würde. Mit diesem Glow würden wir dann in absoluter Glückseligkeit unsere kleine Familie kultivieren, jede:r mit genug Me-Time und auch uns als Paar würden wir auf keinen Fall aus den Augen verlieren.  

Spoiler Alarm: Nach einer langen und zehrenden Kinderwunsch-Reise wurde ich unerwartet doch noch schwanger, zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Job gekündigt, weil ich gerade im Begriff war in die Selbstständigkeit zu starten. Statt ein hyggeliges Kinderzimmer einzurichten, hat mein Mann quasi im Alleingang das gesamte Obergeschoss renoviert. Zwei Monate vor ET riss ich mir das Außenband und war damit quasi an zuhause gefesselt. Und die Geburt? Nun ja, irgendwo zwischen Wehen aus der Hölle und Kristeller-Griff ließ die meditative Grenzerfahrung auf sich warten.  

Wenn ich das hier so lese, möchte ich die 2024/2025-Marie wirklich gerne in den Arm nehmen. Kinderwunsch, Schwangerschaft, berufliche Neuorientierung, das war alles eine sehr intensive Zeit (und ist es immer noch). Was mir in dieser Zeit am meisten zu schaffen gemacht hat sind aber nicht die unerwarteten Plot-Twists, ich bin ein Mensch, der sich flexibel auf alles einstellen kann. Was mir zu schaffen gemacht hat war, mich von bestimmten Erwartungen zu verabschieden, immer und immer wieder. Von manchen, weil sie einfach unrealistisch geworden sind. Von manchen, weil sich Umstände immer wieder geändert haben. Von manchen, weil sie mir extrem geschadet haben.  

Wer bis hierhin gelesen hat, könnte sich ganz einfach denken: Warum dann die Erwartungen. Einfach mal ganz entspannt in den Tag hineinleben ist doch viel einfacher. Stimmt. Aber so bin ich (und viele andere) einfach nicht. Quasi eine weitere Erwartung zum loslassen.  

Warum dann die Erwartungen 

Unser Gehirn ist eine Hochleistungsmaschine. Ständig ist es damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass wir nicht einfach umfallen, regelmäßig Essen, auf Toilette gehen, statt einfach laufen zu lassen und jederzeit vor einem Säbelzahntiger abhauen können (ich habe keine wissenschaftlichen Beweise, aber ich bin mir sehr sicher das heutige Pendant zum Säbelzahntiger ist eine Nachricht in der steht “Wir müssen später dringend reden”). Um zu verstehen, wofür Erwartungen gut sind, müssen wir diese 3 Fakten im Hinterkopf behalten:  

  • Um die komplexen Aufgaben zu bewältigen, betreibt unser Gehirn Prozessoptimierung, indem es unsere Erfahrungen und Sinneseindrücke in Schubladen einräumt. Beim nächsten Mal weiß es dann, in welche Schublade es gucken muss, statt eine komplette Reaktion zu improvisieren. Das kostet nämlich Rechenleistung.  

  • Erwartungen sind also antizipierte Szenarien. Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, also im Grunde bis das Szenario eintritt, ist das antizipierte Szenario für das Gehirn Realität. Vorbereitetes Szenario = Weniger Rechenleistung.  

  • Diese Szenarien speisen sich aus dem, was man schon erlebt hat. Das Gehirn kann logischerweise nicht in die Zukunft sehen, sondern hält aufgrund vergangener Erfahrungen, bestimmter Grundüberzeugungen und sozialer/ gesellschaftlicher Konditionierung bestimmte Ereignisse für mehr oder weniger wahrscheinlich.  

Da drängt sich nun die Frage auf: Warum gehe ich davon aus, dass meine Mutterschaft ein einziges Zuckerschlecken wird? Ich habe doch noch gar kein Kind. Und genau das ist der Punkt: wenn dem Gehirn Informationen fehlen, füllt es diese Lücken mit dem nächstbesten, was eben verfügbar ist. Zum Beispiel die Berichte von anderen Müttern, die der Algorithmus mir in den Feed spült oder das, was meine Freundinnen mir berichten.  

Warum das ein Problem ist

Klingt bis hierher alles logisch? Finde ich auch! Tut es deswegen weniger weh, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden? NOPE. Diese Erwartungen machen etwas mit uns. Manche malen eine Zukunft, nach der wir uns sehnen und wir finden Ansporn und Trost in ihnen. Andere setzen uns unter Druck und sorgen dafür, dass wir nie zufrieden sind, egal wie sehr wir uns anstrengen. Alle haben aber eins gemeinsam: Es gibt einen Rahmen, in denen Erwartungen einen durchaus positiven Effekt haben, für unsere Motivation zum Beispiel. Und es gibt einen Punkt, ab dem Erwartungen uns schaden. Zum Beispiel, wenn sie absolut werden, keine Ausnahmen erlauben und unrealistisch sind. Oder wenn sie uns in die Irre führen, wenn wir aufgrund von vorliegenden Informationen mit etwas ganz anderem gerechnet haben und uns die Realität unvorbereitet auf den Boden der Tatsachen holt.  

Wenn wir Erwartungen im Coaching behandeln, gibt es zahlreiche Fragen über die man sich dem Thema annähern:  

  • Welche Erwartungen haben wir und wo kommen sie her? 

  • Welche Faktoren haben Einfluss auf meine Erwartungen? 

  • Wo nützen mir meine Erwartungen und wo schaden sie mir? 

  • Wie gehe ich mit Erwartungen um, die mir schaden?  

  • Wie kann ich mir realistische Ziele setzen?   

 Diesen Fragen näher wir uns im Coaching über verschiedene Methoden, beispielsweise aus Verhaltens-therapie und Motivationspsychologie an.  

Was du jetzt tun kannst? 

Ich habe für dich einen Klarheitsbogen erstellt. Er soll dir dabei helfen zu verstehen, warum deine Erwartungen dir öfter im Weg stehen als sie dir helfen. Nimm dir einen Moment für dich, füll den Bogen aus und verschaffe dir einen ersten Überblick darüber, warum du manchmal das Gefühl hast, dass deine Erwartungen manchmal mehr mit dir machen, als du eigentlich möchtest.  

Du willst ein Werkzeug das dir hilft, deine eigenen Erwartungen unter die Lupe zu nehmen? Trag dich ein und ich schicke dir dein Worksheet für mehr Klarheit direkt ins Postfach.